Freitag, 15. Oktober 2010

Herbstprojekt Teil 3

"40 Jahre ZwischenRaumZeit"            Foto: KunstKloster


Werknotizen zum Sehen



Das Alter



Der Herbst ist die Jahreszeit des reifen Alters. Reif ganz im wörtlichen Sinne.
Das was durch den Frühling und Sommer des Lebens geworden ist wird nun deutlich sichtbar. Die ehemals einstige Zukunft ist nun die eigene Geschichte.
Die vielen Möglichkeiten der Jugend haben sich konkretisiert.So ist es geworden und nicht anders. Die Wünsche und Sehnsüchte haben sich erfüllt - oder auch nicht. Wars das?

Vor zwei Jahren war ich zu Gast im Goethe-Institut in Dakar/Afrika. Dort gab es eine Ausstellung und eine Performance mit anschließendem Gespräch. Mir sind vor allem noch die Alten, die dabei waren, in Erinnerung. Quiklebendig, teilweise ohne Zähne, lachten und redeten sie frech und klug. Das Alter schien kein Makel zu sein und die Jugend kein Vorzug. Beides hat seine Qualitäten und seine Schwierigkeiten.

Gestern, bei einer ähnlichen Veranstaltung, auch mit Gespräch, kam mir enttäuscht ein Kollege mit den Worten entgegen: "ich dachte wir wären gleich alt, doch Sie sind ja jünger". (Meine biografischen Daten waren in der Ausstellung bei der ich beteiligt bin, zugänglich).
Der Moderator (ich brauche keine Namen zu nennen, denn hier zeigt sich ein kollektives Phänomen) eröffnete das Gespräch, indem er bedauerte, dass die jungen Künstler und Künstlerinnen, die auch in der Gruppenausstellung beteiligt sind, nicht dabei sein konnten. "Ein wenig aus dem Jungbrunnen zu trinken würde wohl ganz gut tun", meinte er.
Wir drei Künstler und eine Künstlerin, in der selben Altersgruppe wie der Moderator, die zu diesem Gesprächsabend eingeladen waren, und der überwiegende Großteil des Publikums, wurden sich also ihres "Makels" alt zu sein, bewusst gemacht.


Was geschieht dabei? Was wird dabei gesehen?
Die Ausrichtung der Wahrnehmung richtet sich auf das was vergangen ist, und dieses wird idealisiert.

Es ist gewiss so, dass die physischen Kräfte, im Alter abnehmen. Der Körper macht Probleme und leidet in der Regel viel mehr als in jungen Jahren. (Sicherlich bin ich selber noch nicht in jenem Alter, in dem der Körper mehr und mehr seine Selbstständigkeit verliert und sich in den demütigenden Zustand eines hilflosen Kleinkindes zurückverwandelt. Nur nicht mit dessen Charme, sondern ganz im Gegenteil, so scheint es).
Doch ist das alles? Ist der Zwang, nur nach rückwärst zu schauen oder neidisch auf die faltenlosen Gesichter der Jungen nicht eine kollektive Selbsthypnose? Und was bieten die Alten den Jungen für deren Lebensperspektive an, wenn sie selber immer nur jung sein wollen und nicht verstehen alt zu werden, als Pioniere in der Zeit, die sie den Jungen voraus leben?
Nochmals: Es nehmen die körperlichen Kräfte und Fähigkeiten ab, doch was nimmt stattdessen zu? Nichts?

Wenn ein alter Baum immer wieder blüht, dann ist er lebendig.
Und Leben, wie die Kunst, ist nicht jung oder alt, sondern eben lebendig, das heißt: belebend.

In der Natur bewundern wir die alten Bäume. Die alten Menschbäume dagegen müssen um ihre Würde bangen, und ihr Wissen und ihre Erfahrung werden kaum integriert.

Wenn eine Gesellschaft sich die darin liegenden Qualitäten nicht nutzbar zu machen weiß, ist es wahrlich trist alt zu werden. Bloß stolz darauf zu sein was für einen großartigen medizinischen Fortschritt wir doch hinbekommen haben, indem sich das statistische Lebensalter so sehr erhöht hat, schmeckt schal.

Ich kenne glücklicherweise alte Menschen (neulich sah ich einen in einem Film: "die Frau mit den Elefanten"), deren Augen und Geist jung und frisch sind. Blühend und reif zugleich. (Dazu zählte ich auch meine Mutter). Doch das geht nicht automatisch, von einigen Glücksnaturen abgesehen.
Alt zu werden ist offensichtlich eine Leistung und Herausforderung. Wie die Kunst, da ist man mit jedem Beginn immer wieder am Anfang.

So mache ich mir jetzt den nahe liegenden Sachverhalt bewusst:
Noch nie war ich so alt wie heute. So weit vorangekommen in meinem Lebenskontinent. Da ist völliges Neuland für mich. Hier war ich noch nie. Wie fühlt sich das an, wie sieht es hier aus, was für eine Aussicht zeigt sich, wenn ich mich umschaue?
Gerate ich in die suggestiven Vorurteile des Alters wie in eine Falle, die mir muffige Uniformen überstülpt, und mich zu einer statistischen Marionette machen? Oder wehre ich mich dagegen und lüge mir Jungend ins Gesicht? Oder gibt es da etwas das nur jetzt und heute, und nur durch mich geschieht und möglich ist?

Ich bin sicher: das Einmalige ist das Natürlichste und: es ist immer frisch.

Gewiss ich brauche eine stärkere Brille und eine Laseroperation an den Augen möchte ich doch nicht machen lassen.
Das was es zu sehen gilt braucht ohnehin andere Augen. Erkenntnisaugen. Solche die Zusammenhänge sehen und die in der Geschichte lesen können und den eigenen Erfahrungen. Solche Augen werden im Alter immer schärfer und weitblickender - wenn sie geschult werden, und nicht bloß tränentrüb ins Vergangene blicken, sondern mit klarem Blick darin die Schätze, Strukturen und Muster suchen und finden, die den Lebensteppich, auf dem man durch die Lüfte der Zeit segelt, ausmachen.

Sie blicken in vieles hinein. Haben Einblicke, die früher so nicht möglich waren. Es ist viel dabei zu gewinnen. Erkenntnisgewinn ist eine hohe Lust. Dabei können die Augen, diese unbegreiflich wundervollen Lichtorgane, durchaus ruhen und geschlossen sein.

Romana Guardini hat in seinem Buch: "die Lebensalter" mit großer Weisheit und Einsicht darüber geschrieben.



Ich möchte, im nächsten Abschnitt auf eine Sichtweise eingehen, die sich von die Linearperspektive zur Seinsperspektive erweitert.


 

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Herbst ist Fruehling und Fruehling ist Herbst. Sommer ist Winter und Winter ist Sommer. Das haengt ganz davon ab, wo man sich gerade auf der Welkugel befindet. Bei mir ist heute Fruehling aber bei Dir ist Herbst - zur selben Zeit!
Fruehlingsgruesse von der anderen Seite der Welt!

Mario Manetzki hat gesagt…

Lieber Alfred,auch wenn ich mich noch fühlbar im Hochsommer befinde, sehe ich den Herbst schon vom weiten. Ich selbst schaue hin und wieder zurück und mache mir auch intensive Gedanken darüber. Gleichzeitig liegt vor mir noch ein ganzes Stück. Und darüber freue ich mich.
Ich bin befreundet mit einen 80-jährigen Mann, der soviel Vitalität und Zunder in den Augen hat, wie ich nicht mit 20. So ist das Alter doch sehr relativ. Doch möchte ich nicht mehr zurück. Unglaublich viele Fettnäpfchen stehen im Leben bereit,- hineinzulatschen. So bin ich und werde ich lieber älter und erfahrener. Und sehe sehr gern die Dinge des Lebens mit den inneren Augen. Das ist für mich Weisheit.
Danke für Ihren inspirativen Text.
LG. Mario Manetzki